Rechtskonservative Propaganda überschattet Abitur des Duisburger Steinbart-Gymnasiums

 

Dem Abiturjahrgang des Steinbart-Gymnasiums wurde mit dem Abschlusszeugnis zusammen eine Nadel ausgehändigt, die symbolisch für deutschen Besitzanspruch auf polnische und russische Gebiete steht.

Am Samstag, dem 6. Juli, fand im Stadttheater Duisburg die diesjährige Abiturzeugnisübergabe des Steinbart-Gymnasiums statt. Neben dem Zeugnis wurde den Abiturientinnen und Abiturienten auch eine Nadel überreicht, welche, laut einem beigelegten Faltblatt, für deutschen Gebietsanspruch auf Teile Russlands und Polens steht. So wird vom „Deutschen Osten“ gesprochen, während es sich tatsächlich um Gebiete in Russland handelt. Verpackt wird diese Forderung nach einer Grenzverschiebung nach Osten in einer „Patenschaft“ für eine nicht mehr existierende Schule im russischen Kaliningrad oder „Königsberg“, wie die Stadt zur Zeit des Deutschen Reichs hieß und auch in dem Faltblatt genannt wird.
Ein Skandal, findet der Abiturient Leon Wystrychowski: „Diese Nadel steht im Gegensatz zu dem, was uns im Unterricht über Versöhnung und Frieden beigebracht wurde: Für Revanchismus und altdeutschen Nationalismus! Diese Art von Geschichtsverfälschung ist empörend und der Missbrauch unserer Abiturfeier für eine solche Propaganda eine Frechheit!“ Einige Schüler, die im Voraus gehört hatten, worum es sich bei der Nadel handelt, lehnten diese bei der Zeugnisvergabe aus Protest ab. Das Duisburger Netzwerk gegen Rechts begrüßt diese Aktion: „Weltkriegsglorifizierung und Revanchismus haben nirgendwo Platz, egal mit welcher Fassade! Wir teilen die Empörung der Schüler.“, sagt Netzwerksprecher Thomas Zmrzly.
Außerdem wurde ein Buch zur Geschichte des Gymnasiums verteilt. Neben der Forderung nach Gebietsausdehnung, enthält es einige weitere äußerst skandalöse Passagen. So wird vom Zweiten Weltkrieg, mit seinem „unglücklichen Ausgang“ gesprochen und der ehemalige Steinbart-Schüler und Widerstandskämpfer Harro Schulze-Boysen als „Landesverräter“ bezeichnet.
„Es ist eine Schande, dass dieser Nazi-Begriff in einer offiziellen Publikation überhaupt benutzt wird“, meint Doris Michel, Kreissprecherin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und GEW-Mitglied. Sie fordert, dass die Schule sich eindeutig zu dem Widerstandskämpfer bekennt.

Duisburger Netzwerk gegen Rechts

17. juli 2013

 

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Zusammengestellt aus „Das Steinbart-Gymnasium zu Duisburg 1831 1981“, Neue Auflage 2000, Edeldruck GmbH;
Verantwortliche Herausgeber: Hans Dieter Damm, Michael Euteneuer;
Die Abiturientenliste geht bis 2011

Hervorhebungen und Kommentare durch das Duisburger Netzwerk gegen Rechts:

So verließen 17 von 18 Oberprimanern, 8 von 16 Unterprimanern, 5 von 27 Ober- und 6 von 50 Untersekundanern sowie ein Untertertianer, insgesamt also 37 Schüler in edler Begeisterung als Kriegsfreiwillige die Schule.” (S.58)

An weiteren Veränderungen, welche die nationalsozialistische Revolution von 1933 nach sich zog, ist die Auflösung des nach 1918 eingeführten Elternbeirates zu nennen.” (S.68)

Es wurde gewissenlos oder auch in bester Absicht an die grundlegenden politischen Tugenden appelliert: sie wurden mißbraucht, an die größten Inhalte des nationalen geschichtlichen Bewusstseins: sie wurden verfälscht.” (S.69)

Es hieße die Tatsachen fälschen, wollte man das hohe Maß an Begeisterung, Gläubigkeit und Freiwilligkeit bei der Schülerschaft leugnen und unterschlagen, daß auch mancher Lehrer in ehrlicher Absicht einen Weg einschlug, dessen wirkliches Ziel er nicht kannte.” (S.69)

Diese Jugend, in der noch die Erinnerung an die schmachvollen Jahre des kommunistischen Aufstandes, des Ruhreinbruchs, der Seperatistenunruhen stark nachwirkte, mochte sich von der nationalsozialistischen Revolution eine Wiederherstellung der nationalen Ehre versprechen.”* (S.70)
*Hier wird versucht, die Schuld für die große Unterstützung der Nazis den Kommunisten und Franzosen in die Schuhe zu schieben!

Der schwere Terrorangriff* vom 13. Mai 1943 z.B., bei dem 1350 t Spreng- und Brandbomben auf Duisburg niedergegangen und dem auch ein dreizehnjähriger Schüler der Klasse 1b und seine Mutter zum Opfer gefallen waren, hatte die Stadt furchtbar verwüstet.” (S.72)

*Gemeint ist der Luftangriff der Alliierten am 12./13. Mai 1943, der im Zuge der Angriffe gegen die Kriegs- und Schwerindustrie im Ruhrgebiet ausgeführt wurde


„Nach wie vor entwickelte die Schule starke Initiativkräfte [
] Pfingsten 1955 legte das Steinbart-Gymnasium ein entschiedenes Bekenntnis zum deutschen Osten* ab, als es in einem Festakt die Patenschaft über das Löbenichtsche Realgymnasium in Königsberg**, eine Schule mit verwandter, noch älterer Tradition, übernahm.“

*Mit „deutscher Osten“ werden in diesem Buch Gebiete bezeichnet, die Deutschland zur Schadenslinderung für Kriegsverbrechen und Völkermord an Polen und Russland abgab, „Mitteldeutschland“ ist Staatsgebiet der DDR (siehe hierzu auch Tabelle S.87 im Buch)
**Dass „Königsberg“ bereits seit 1946 Kaliningrad hieß, wird in keinem Wort erwähnt, stattdessen wird der Name aus der Zeit des Deutschen Reichs benutzt


„Ein weiterer Schüler dieses Abiturjahrgangs [1928] begegnet mehrfach in der politisch-historischen Literatur: Heinz-Harro Schulze-Boysen [
] Zur Zeit des Hitlerreiches stand er im Lager der kommunistischen Opposition. Zusammen mit dem Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium Arvid Harnack organisierte er als Oberleutnant im Luftfahrtministerium seit 1940 die Verschwörung der von Moskau aus gesteuerten sogenannten „Roten Kapelle“. Diese sah ihre Hauptaufgabe darin, die russische Führung mit wichtigen militärischen Nachrichten zu versorgen „unter hemmungsloser Ausnutzung amtlich erworbener Spezialkenntnisse“. Über den landesverräterischen Charakter dieser Organisation läßt Gerhard Ritter nicht den geringsten Zweifel. 1942 wurde das Komplott aufgedeckt. Der „in einwandfreier Form durchgeführte Prozeß vor dem Reichskriegsgericht endete mit der Hinrichtung vieler Beteiligter, auch der Schulze-Boysens. Keinerlei Beziehung zu dieser landesverräterischen Gruppe hatte der Admiral Wilhelm Canaris* (Abiturient von 1905) …“** (S.86)
*Hochrangiger Militär und nationalsozialistischer Hitlergegner, der 1945 hingerichtet wurde
**Zitiert wird hier nach Gerhard Ritter (1888-1967) einem nationalkonservativen Historiker. Das Buch übernimmt an dieser Stelle seine Meinung
Im Verzeichnis der Abiturienten auf Seite 215 steht als Information zu Schulze-Boysen lediglich: „Offizier, hingerichtet“.

Die Katastrophe von 1945 mit ihrem Flüchtlingsstrom zeichnet sich erst auf Karte 6* ab, die eine Vorstellung gibt von dem Ausmaß der innerdeutschen Bevölkerungsbewegung, die der Zusammenbruch der Ostfront und die Kapitulation des Reiches auslösten.“
*Gemeint ist die Karte Einzugsgebiet der Schule: Geburtsorte aller von 1913 bis 1956 aufgenommenen Schüler auf Seite 119 im Buch

1919 wurden Kinder vertriebener Ostdeutscher und Altdeutscher aus dem abgetretenen Reichsland Elsaß-Lothringen aufgenommen.“* (S.88)
*Hier wird unterschieden zwischen dem an Frankreich „abgetretenen“ ehemals deutschen Gebiet Elsaß-Lothringen und den Ostgebieten, die man nicht als russisch bzw. polnisch anerkennt!

„Hinter den nackten Statistiken verbirgt sich schwerstes deutsches Volksschicksal.“ (S.88)

„Der zweite Weltkrieg mit seinem unglücklichen Ausgang griff auch in das Leben der Schule ein.“ (S.89)

 

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