Geschichtsrevisionismus abgelehnt. Gegen Geschichtsverfälschung am Duisburger Steinbart-Gymnasium (siehe jW vom 25. Juli) – Brief an die Schulleitung:

 

Mit Entsetzen mußten wir, die diesjährigen Abiturienten des Steinbart-Gymnasiums, feststellen, daß unsere Abi­turzeugnisvergabe für rechtsextreme und geschichtsrevisionistische Propaganda mißbraucht wurde. Dabei wurden uns sogenannte Albertinanadeln ausgehändigt, gemeinsam mit einem Informationsblatt, in dem von deutschen Gebietsansprüchen in Rußland und Polen die Rede ist. Aus spontanem Protest verweigerten einige von uns die Annahme und stellten Nachforschungen im ebenfalls ausgehändigten Buch »Das Steinbart-Gymnasium zu Duisburg 1831–1981« an.

Der Inhalt schockierte uns: Von den ermordeten und deportierten jüdischen Schülern war keine Rede, dafür aber u.a. von der »nationalsozialistischen Revolution«, dem alliierten »Terrorangriff vom 13. Mai 1943«, einem »Bekenntnis zum deutschen Osten« – mit dem Gebiete in Polen und Rußland gemeint sind – seitens des Steinbart-Gymnasiums und einer totalen Verdrehung der Realität vom Kriegsende als »Katastrophe von 1945« samt »seinem unglücklichen Ausgang«. Den Widerstandsaktionen des Antifaschisten und Steinbart-Abiturienten Harro Schulze-Boysen, den sein Engagement sein Leben kostete, wird in der Publikation ein »landesverräterischer Charakter« unterstellt und behauptet, seine Verurteilung zum Tode durch die NS-Richter sei Ergebnis eines »in einwandfreier Form« durchgeführten Prozesses gewesen.

Wir sind zutiefst empört. Diese Art von Geschichtsverfälschung steht im Gegensatz zu den Grundwerten einer offenen, antifaschistischen und demokratischen Gesellschaft. Schulen sollten diese Werte vermitteln und pflegen und uns zu mündigen Menschen erziehen. Wir fühlen uns daher verpflichtet, auf diesen Skandal aufmerksam zu machen und fordern eine klare Aufklärung. Dies wollen wir gemeinsam mit der Duisburger Zivilgesellschaft erwirken. Eine einfache Stellungnahme mit dem Verweis auf das Alter des Textes lehnen wir ab: Die Auflage ist aus dem Jahre 2000, die abgedruckte Abi­turientenliste sogar bis zum Jahrgang 2011 aktualisiert worden. Auch die Ausrede, es handele sich um ein authentisches Zeitdokument, können wir nicht gelten lassen, da mit dieser Begründung jedwede Propaganda und Literatur verbreitet werden kann.

Von der Schulleitung des Steinbart-Gymnasiums fordern wir daher:

– Eine Distanzierung von dem geschichtsrevisionistischen Inhalt des Buches »Das Steinbart-Gymnasium zu Duisburg 1831–1981« sowie dessen kritische Überarbeitung nach antifaschistischen und demokratischen Werten.

– Eine Aufarbeitung der Schulgeschichte im Nationalsozialismus, mit besonderem Hinblick auf ihre jüdischen und antifaschistischen Opfer.

– Ein klares Bekenntnis zum antifaschistischen Widerstandskämpfer Harro Schulze-Boysen – dabei anerkennen wir die ersten bereits gemachten Schritte.

Unterzeichner: Verschiedene Schüler und Ehemalige des Steinbart-Gymnasiums, Duisburger Netzwerk gegen Rechts, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) Kreisverband Duisburg, Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen K.d.ö.R., Die Linke Kreisverband Duisburg, Friedensforum Duisburg, Deutsche Friedensgesellschaft (DFG-VK) Duisburg

 

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