Interview mit dem französischen Extremismus-Forscher Olivier Roy “Radikalisierung ist keine Folge gescheiterter Integration”

Nach den Anschlägen von Brüssel warnt Olivier Roy vor einer vorschnellen Verknüpfung von Islam und Terror. Im Interview mit Michaela Wiegel erklärt der Islamforscher, was das eigentliche Problem des Dschihadismus ist.

 

Herr Roy, sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Terrorismus und gescheiterter Integration in europäischen Einwanderungsgesellschaften?

Olivier Roy: Ich glaube nicht, dass die islamische Radikalisierung die Folge einer gescheiterten Integration ist. Das ist ein Scheinproblem. Viele der jungen Leute, die in den Dschihad ziehen, sind integriert. Sie sprechen Französisch, Englisch oder Deutsch. Der “Islamische Staat” (IS) hat ein frankophones Bataillon gegründet, weil die jungen Franzosen oder Belgier kaum Arabisch können. Nicht die mangelnde kulturelle Integration ist das Problem. Selbst in ihrem Bruch mit der Gesellschaft bleiben die europäischen Dschihadisten einem sehr westlichen Modell verbunden. Es ist nihilistisch, was überhaupt nicht der islamischen Tradition entspricht. Sie entwickeln eine Faszination für die Ästhetik der Gewalt, die sie aus Filmen und Videos kennen. Darin ähneln sie mehr den Amokläufern an der Columbine Highschool oder dem Massenmörder Anders Behring Breivik.

Einwanderung und Dschihadismus haben also nichts miteinander zu tun?

Roy: Für mich bildet der hohe Prozentsatz an Konvertiten ein sehr interessantes Indiz. Es gibt nirgendwo im muslimischen Kulturkreis eine Organisation wie den IS mit 25 Prozent Konvertiten. Kulturelle Erklärungen allein funktionieren also nicht, um die Attraktivität des IS zu begründen. Auch junge Leute, die keinen Einwanderungshintergrund haben, fühlen sich zum Dschihad hingezogen.

Aber wie erklären Sie dann, dass die Terroristen sich auf den Islam berufen?

Roy: Ich streite die religiöse Dimension nicht ab. Sie ist wichtig, denn auf diese Weise können die Dschihadisten ihren Nihilismus in die Verheißung des Paradieses uminterpretieren. Ihr Selbstmord wird zur Garantie für das totale Leben. Ich betone nur: Diese jungen Leute kommen nicht aus der muslimischen Gemeinschaft. Die meisten haben keine religiöse Vorbildung, waren nur selten in der Moschee. Fast alle waren zuvor Kleinkriminelle. Sie haben Alkohol getrunken und Rauschgift konsumiert.

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