Nachts auf die Straße gesetzt Stadt Duisburg vertreibt Romafamilien aus Wohnungen im Stadtteil Marxloh. Augenzeugen berichten von brutalem Vorgehen

 

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Die Ruhrgebietsmetropole Duisburg sorgt erneut für Negativschlagzeilen. Zeugen bestätigten gegenüber jW, dass es in den vergangenen Wochen in mehreren Fällen zu offenbar rechtswidrigen Einsätzen des Duisburger Ordnungsamtes im als »Problembezirk« ausgemachten Stadtteil Marxloh gekommen ist. Dabei sei es, so berichten Beobachter, die aus Angst vor staatlichen Repressionsmaßnahmen nicht namentlich erwähnt werden wollen, auch zu gewalttätigen Übergriffen von Ordnungsamtsmitarbeitern auf Bewohner von Mietshäusern gekommen. Die offizielle Begründung der Räumungen sind »Schutzmaßnahmen« der Bewohner aufgrund maroder Bausubstanz. In einer Wohnung in der Hagedornstraße sollen Mieter unter anderem mit Pfefferspray bedroht worden sein. »Eine Minderjährige, die sich zwischen ihren Bruder und den Ordnungsamtsmitarbeiter werfen wollte, wurde von den Beamten gepackt und vor die Wand geschleudert und dadurch an der Hand verletzt«, schilderte ein Augenzeuge im Gespräch mit jW. In anderen Fällen sollen Betroffene gezwungen worden sein, von ihnen bewohnte Objekte umgehend zu verlassen. Eine Familie wurde samt ihrer Kinder auf die Straße gesetzt.

Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) und die Rechtsdezernentin Daniela Lesmeister wiesen derlei Vorwürfe am Dienstag auf einer Pressekonferenz zurück. Die große Zahl von Zeugen spricht jedoch dafür, dass diese Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen sind. So zeigte sich am Dienstag auch Karl-August Schwarthans, Geschäftsführer der Awo-Integrations gGmbH, schockiert. Durch die Vorgehensweise der Stadtspitze fühle er sich »an ganz finstere Zeiten« erinnert, sagte er gegenüber dem Nachrichtenportal derwesten.de. »Alles, was wir in Duisburg gegen Diskriminierung unternommen haben, wird gerade zu einer absoluten Lachnummer«, konstatierte er.

Als Konsequenz aus den Widersprüchen zwischen den Aussagen der Betroffenen und von Augenzeugen auf der einen und denen von Vertretern der Stadt auf der anderen Seite forderten die Duisburger Grünen umgehende Aufklärung. Lesmeister und Link hätten »den Vorwurf überzogener Härte nicht entkräften« können. »Wer unangekündigt nachts Familien mit Kindern auf die Straße setzt und damit der Obdachlosigkeit ausliefert, handelt mit Sicherheit nicht in deren Interesse«, kritisierten die Grünen am Mittwoch in einer Presseerklärung.

Ähnlich äußerte sich Sascha H. Wagner, Landesgeschäftsführer der NRW-Linkspartei. »Anstatt eine Familie mit Kindern, die sogar gut integriert sind und in Duisburg zur Schule gehen, mit Polizei und Ordnungsamtskräften heimzusuchen, einzuschüchtern, sollte die Stadt Duisburg endlich für die Unterbringung der Familien in sanierten städtischen Wohnungen sorgen und endlich etwas für Integration und Gesundheitsversorgung tun«. Nicht die betroffenen Romafamilien seien »das Problem«, sondern »die anhaltende Ignoranz des SPD-Oberbürgermeisters und seiner Verwaltung«, stellte der Linke-Politiker klar. Bereits mehrfach war die Stadt aufgrund ihres rigiden Kurses gegen Romafamilien in die Kritik geraten. Die betroffenen Häuser im Stadtteil Marxloh verfügen zwar über einen erheblichen Sanierungsrückstand. Die Stadt unternehme jedoch nichts, um die Lebenssituation der Bewohner zu verbessern, sondern setze einzig auf Verdrängung und Repression, kritisierten auch soziale Organisationen und Projekte.

https://www.jungewelt.de/2016/10-21/016.php

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