Der Mann mit der Kippa – von Rolf Verleger

 

“Der entscheidende Akteur, der wirklich dieses Risiko minimieren könnte, ist die israelische Regierung: Sie könnte die Palästinenser um Verzeihung bitten für das Unrecht, das ihnen durch die jüdische Besiedlung seit einem Jahrhundert angetan wird. Und die deutsche Politik sollte, statt nur „Antisemitismus, Antisemitismus!” zu zetern, die israelische Regierung öffentlich dazu aufrufen, auf solche Weise Umkehr zu tun und ein neues Kapitel in der Beziehung zwischen Juden und Arabern aufzuschlagen.

Solange das nicht passiert, sondern die israelische Realität der Vertreibung, Enteignung, Inhaftierung und Erschießung von Palästinensern auch noch „deutsche Staatsräson” bleibt, setzen sich Juden in Deutschland der Gefahr aus, von Arabern verprügelt zu werden, und jüdische Einrichtungen in Deutschland müssen durch Polizei geschützt werden.”

 

1976 machte ich zum ersten Mal mit Rucksack auf einer griechischen Insel Urlaub. Wir wohnten beim Ehepaar Mavros. Am späten Nachmittag, wenn es kühler würde, griff Herr Mavros zur Fliegenklatsche, jagte die Fliegen auf und rief dabei — auf Italienisch, das unsere Verständigungssprache war — „Turki, Turki“ — besonders laut und freudig, wenn er eine erwischt hatte. Schön war das nicht, aber wer wollte es ihm verdenken, mit der jahrhundertealten Feindschaft zwischen Türken und Griechen, bei der in seiner Wahrnehmung die Griechen immer die Opfer waren? Und so stand auch auf deutschen Postkarten im Ersten Weltkrieg zur Unterstützung der wilhelminischen Armee „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos“. Schön war das nicht, aber so sahen die Deutschen nun mal die Weltlage.

Zurück ins Deutschland der Gegenwart. Vor wenigen Wochen brannten mehrere Moscheen von türkischen Gemeinden. Man befürchtete, dass hier nun Pegida und andere Rechtsradikale mit „Ausländer raus!“ ernst machten. Aber sehr schnell verdichteten sich Indizien, dass Kurden diese Anschläge verübt hatten, aus Zorn über die Aggression der türkischen Armee gegen den kurdisch dominierten Teil Syriens und die Einnahme der Stadt Afrin.

Selbstverständlich muss mit allen rechtsstaatlichen Mitteln unterbunden werden, dass ohnmächtiger Zorn über Schandtaten eines Staates nun hierzulande zu Gewalttaten führt und dazu noch gegen Unbeteiligte. Aber eines ist ziemlich klar und führte allgemein zu Aufatmen: Das waren keine antiislamischen Anschläge. Täter wie Opfer sind Muslime, sogar derselben Konfession (Sunniten). Diese Anschläge waren offensichtlich politisch motiviert und haben nichts mit Hass gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe wegen ihrer Abstammung oder Religion zu tun.

Nun drohte ein arabischstämmiger Mann einem Mann – zufällig einem israelischen Staatsbürger, zufällig gar keinem Jude, sondern einem Palästinenser, zufällig mit guten Verbindungen zur deutschen Presse – der mit einer Kippa auf dem Kopf durch das gepflegte Berliner Viertel Prenzlauer Berg schritt, auf offener Straße wegen der Kippa Prügel an. Die Presse gibt ihrer Empörung über den Vorfall breiten Raum, Kanzlerin Merkel und Außenminister Maas versichern ihre unverbrüchliche Solidarität mit Israel.

Die Kippa – so lesen wir – sei die Kopfbedeckung, mit der fromme Juden auf die Straße gehen (so zum Beispiel Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung vom 20.4.2018, S.4). Ach ja? Die jüdisch-orthodoxe Tradition in Europa untersagte es jüdischen Männern, nur mit der Kippa auf die Straße zu gehen.

weiter unter: https://www.rubikon.news/artikel/der-mann-mit-der-kippa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.