»Man versucht, uns in Fulda die Lichter auszumachen« Protest gegen Neonaziaufmarsch am letzten Wochenende. Antifaschist wurde wiederholt bedroht.

Ein Gespräch mit Andreas Goerke, Gründer und Vorsitzender des antifaschistischen Vereins »Fulda stellt sich quer« und Gewerkschaftssekretär bei der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) in Fulda

Sie haben am vergangenen Sonnabend in Fulda gegen den Aufmarsch der faschistischen Splitterpartei »Der III. Weg« protestiert. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Wir sind mehr als zufrieden. Am Sonnabend standen über 2.000 Antifaschisten knapp 130 Neonazis gegenüber. Unser Verein »Fulda stellt sich quer« hat erstmals auf eine eigene Demonstration verzichtet und nach der Auftaktkundgebung zum zivilen Ungehorsam aufgerufen. Wir hätten nie gedacht, dass sich so viele Fuldaer Bürgerinnen und Bürger anschließen würden. Das tat gut.

Was macht Ihre Stadt für extreme Rechte so attraktiv?

Schon in der Vergangenheit spielte Fulda in der Szene eine starke Rolle. Das reichte von Aktionen der »Wiking-Jugend« über gefestigte Strukturen um den Neonazi Thomas Brehl und die »Freie Kameradschaft Fulda« bis hin zur NPD. Um 2010 hatten wir im Landkreis die größte Gruppe der »Identitären Bewegung«, mit Einfluss auf das ganze Bundesgebiet. Viele von denen sind heute Funktionäre in der AfD. Uns ist es jedoch über die Zeit gelungen, die Strukturen der Rechten offenzulegen und sie zum Teil zu zerschlagen.

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Ihre Familie und Sie wurden in den letzten Jahren mehrfach bedroht. Was ist Ihnen widerfahren?

Eine Menge: Morddrohungen gegen meinen Sohn, Feuerwehreinsätze an unserem Haus, Denunzierungen gegenüber meinem Arbeitgeber und Menschen, die uns unterstützen. Wir hatten einen SEK-Einsatz im Haus, da jemand unter meinem Namen die Polizei angerufen und behauptet hatte, er habe seine Frau erstochen und werde nun seinen Sohn erstechen. Außerdem haben wir, zusammengenommen, einen circa fünf Meter hohen Stapel an Werbung zugeschickt bekommen, dazu Bestellungen von Pizza bis Beton. Leute vom »III. Weg« haben ein »Panoramabild« von meinem Haus und Auto im Internet veröffentlicht. Aktuell erleben wir eine Flut von Unterlassungserklärungen aus den Reihen der AfD. Man versucht, uns in Fulda die Lichter auszumachen.

Im März beginnt ein Prozess gegen Toni R., der zum Teil für den gegen Ihre Familie gerichteten Psychoterror verantwortlich sein soll. Zum Tatzeitpunkt war R. AfD-Mitglied in Fulda sowie Vorstandsmitglied des hessischen Landesverbandes der »Jungen Alternative«. Was sagen solche Aktionen über die AfD aus, sollte sich herausstellen, dass R. schuldig ist?

Für mich sind die AfD sowie die »Junge Alternative« in Fulda ein Sammelbecken für extrem rechtes Gedankengut. Da sehe ich deutliche Parallelen zur sächsischen AfD. Dass Toni R. zu dem Zeitpunkt Funktionär der AfD war, sagt einiges über den Verband in Fulda aus. Auch nach seinem Austritt hat er weiter an Aktivitäten der Partei teilgenommen, so war er auf einem Landesparteitag als Gast.

Sie sind Gewerkschaftssekretär der EVG. Viele Menschen positionieren sich gegen rechts, sehen jedoch keinen Zusammenhang zwischen der sozialen Frage und dem Erstarken von Rechten aller Couleur. Was ist Ihre Position?

Beim Kampf gegen rechts spielt die soziale Frage immer eine Rolle. Vor vielen Jahren propagierten Neonazis den Slogan »Arbeitsplätze nur für Deutsche«. Der allein greift heute nicht mehr. Mit der Thematisierung der stetig steigenden Mieten und immer mehr Armutsrenten können die Rechten jedoch zunehmend punkten, obwohl sie keine Antworten haben. Sie nutzen diese Themen zum Spalten der Gesellschaft. Diese Kombination aus rassistischer Hetze und sozialer Demagogie, die von der AfD betrieben wird, ist brandgefährlich. Wir als Demokraten, Gewerkschafter, Linke und Antifaschisten brauchen Lösungen für die bestehenden Probleme. Allein mit Parolen wie »Fuck AfD« ist es auf Dauer nicht getan. Wir als Verein gehen zum Beispiel seit geraumer Zeit zu AfD-Veranstaltungen und machen dort unsere Positionen deutlich. Wir müssen diese Partei inhaltlich demaskieren.

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